Historie Leistungsgemeinschaft Reiten e.V.
Text von Gerhard Schröder zu 20 Jahren Eröffnung
der Grünen Saison 17.-20.April 1997
Mit flotten und anspruchsvollen Sprüchen hat die Leistungsgemeinschaft
Reiten noch nie gegeizt. Von der Stunde Null an vor 20 Jahren bis
heute gilt „Wir sind die Größten!". So arrogant
sich das anhört, so echt ist es aber. Heute kann sich kaum
jemand noch vorstellen, wie es damals zur Zeit der Gründung
der LG Reiten in der Berliner Reitlandschaft war. Zwanzig Jahre
ist es erst her, doch haben die Ereignisse besonders der letzten
Zeit fast alles verdrängt, was seinerzeit gewissermaßen
eine „Revolution" im eingemauerten Westberliner Reitsport
war.
Heute läutet die LG Reiten mit ihrem Turnier die „Grüne
Saison" zum 20. Mal ein. War dieses Turnier von Beginn an stadtweit
ein Knüller, so hat es heute alle ortsüblichen Dimensionen
gesprengt. Die „Eröffnung der Grünen Saison"
zählt in der Bundesrepublik zu den interessantesten und vor
allem gefragtesten nationalen Turnieren. Einst zwangsläufig
lokal begrenzt, heute von allen Olympia-Reitern, ob Dressur oder
Springen, gefragt wie nie. Im Laufe der 20 Jahre hat dieses Turnier
und mit ihm die Leistungsgemeinschaft Reiten alle Höhen und
Tiefen durchlebt.
Einst konzipiert als Basis-Turnier für die Westberliner Reiter
und deren Freunde aus Westdeutschland, entwickelte es sich zu einem
nationalen Treffpunkt der Elite-Reiter mit einem Programm, das seine
Höhepunkte in S-Springen und Grand-Prix-Dressuren hat. Einst
gedacht als Einstieg in die neue Saison für Nachwuchs und fortgeschrittene
Reiter, ist es inzwischen vier Tage lang ein Top-Turnier mit Olympiasiegern,
Welt-, Europaund Deutschen Meistern sowohl aus den alten als den
neuen Bundesländern.
Von einst maximal 24.000 Mark uferte das LG-Turnier bis zu knapp
einer halben Million Mark aus. Regional fand die „Eröffnung
der Grünen Saison" früher schon auf Anhieb eine außergewöhnlich
starke Resonanz. Die Situation gedieh jedoch völlig neu, als
die Mauer fiel. Aus dem „Mauerblümchen" - regional
gesehen - wurde es zum Mekka von Deutschlands Spitzenreitern. Das
dabei das Prinzip der „frühen Jahre", ein Turnier
der Basis zu sein, auf der Strecke blieb, liegt auf der Hand. Das
Motto der jetzigen Turnier-Macher heißt „Berlin für
Deutschland" und umgekehrt. Nur das Beste soll gerade gut genug
sein. Über diese divergierenden Prinzipien hat es in der LG
Reiten fundamentale Auseinandersetzungen gegeben, die schließlich
zu radikalen Vorstandswechseln führten.
In der Reitanlage Pichelsberg, wo 1974 die Gründung der LG
Reiten stattfand, wollte man ursprünglich zu Hause sein, die
Anlage sogar in Eigenregie führen. Man fand nicht zueinander,
und heute sind 141 Mitglieder der Leistungsgemeinschaft Reiten über
ganz Berlin und Umgebung verstreut.
Hervorgegangen ist die LG Reiten aus einer Protestbewegung in der
Reitanlage Pichelsberg. Der „Verein zur Förderung des
Reitsports in Berlin", dem alle Berliner Reitvereine und der
Landesverband als Mitglieder angehörten, hatte das Sagen in
dieser ehemaligen Ausbildungsstätte des deutschen Heeres. Wegen
der unhaltbaren Zustände gründeten viele Pferdebesitzer
1974 die „Interessengemeinschaft der Reit- und Pferdebesitzer
in Pichelsberg". Unter diesem Namen wurde der Verein vom Charlottenburger
Registeramt nicht zugelassen. Es wurde der Name „Leistungsgemeinschaft
Reiten" empfohlen, wenn man kein ExklusivVerein sein wollte
und vor allem die Gemeinnützigkeit beanspruchen wollte. Gesagt,
getan. Mit anderen Worten, der sportlich viel versprechende Titel
„Leistungsgemeinschaft" wurde dem neuen Verein sozusagen
von Amts wegen aufgedrückt.
Die Mitglieder, vor allem die Gründungsmitglieder, wurden
diesem Anspruch voll gerecht. Der zweite Hammer folgte auf dem Fuße.
Der Landesverband weigerte sich, die „Leistungsgemeinschaft"
in seinen Verband aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt stand ein Bundesvergleichswettkampf
der Jugendlichen in Pichelsberg auf dem Programm des Landesverbandes.
Man bekam jedoch nicht ein einziges Pferd zur Verfügung gestellt.
Hier griff die LG Reiten zu einem leicht erpresserischen Mittel.
„Wir stellen sämtliche Pferde, wenn wir in den Landesverband
aufgenommen werden." So kam es denn auch. Schließlich
konnte man satzungsgemäß keine Turniere veranstalten
oder an solchen teilnehmen, wenn man trotzköpfig ein „wilder"
Verein bleiben wollte. Diesen Revoluzzer-Stil hat die LG Reiten
jahrelang beibehalten. Und damit auch einiges bewirkt in der Berliner
Reiterei.
Der Vorstand konsolidierte sich ab 1976, als das erste Turnier veranstaltet
wurde, mit Karl-Heinz Dietrich, Peter Zappe, Barbara Steinsch, Klaus
Dieck und Gerhard Schröder. Neu war bundesweit auch hier, dass
diese fünf Vorstandsmitglieder gleichberechtigt waren. Als
die LG Reiten zwei Jahre nach ihrer Gründung zum ersten Mal
mit einem Turnier an die Öffentlichkeit trat, war es noch in
der Reitanlage Pichelsberg. 194 Pferde wurden gemeldet. Ein Jahr
darauf waren es schon 305 Pferde mit 736 Nennungen in elf Prüfungen.
Dauerregen hatte den Pichelsberger Platz überschwemmt, so dass
zeitweilig von den Richtern eine Absage diskutiert wurde.
1978 schon zog die LG Reiten ins Reiterstadion und hatte sofort
einen vollen Erfolg. 1979 fühlte man sich schon als „etabliert"
und sprach von einem Turnier, wie es die Berliner Reiter lieben.
1980 war das Leistungsniveau so hoch, dass „von Hallenmief
nichts zu spüren war". 264 Pferde mit 796 Nennungen wurden
gemeldet. Startbeteiligung 63,8 Prozent. Damals war eine hohe Nennungszahl
noch wichtig als Geldeinnahme. 1981 sorgte das „Knock-out-Springen"
für einigen Wirbel. Die LG Reiten hatte sich dem Prinzip verschworen,
auf jedem Turnier etwas Neues zu bringen. Mitunter wurden diese
Neuerungen erst in letzter Sekunde von der FN in Warendorf genehmigt.
1982 überstieg die Zahl der Nennungen erstmals bei einem Berliner
Turnier die Traumgrenze mit 1170.
In den Jahren danach spaltete sich der Vorstand der LG Reiten.
Da eine stimmige Harmonie zwischen dem damaligen Pächter und
einigen LG-Mitgliedern in Pichelsberg nicht zustande kam, zog ein
Teil der Mitglieder, vor allem die Jugendgruppe um Klaus Dieck (Sportwart),
aus und in die Reitanlage Hafemeister nach Spandau. Karl-Heinz Dietrich
und Peter Zappe traten zurück. Gerhard Schröder und Barbara
Steinsch waren schon vorher aus dem Vorstand ausgeschieden, da sie
nach Westdeutschland verzogen.
In der LG Reiten hatte Barbara Steinsch seit Jahren eine auf der
unteren Basis sehr erfolgreiche „Aktive Reitgruppe" mit
eigenen Vereinspferden organisiert. Nichts charakterisierte die
Vereinsarbeit besser als diese Reitgruppe, die auch für einen
gewissen Zusammenhalt innerhalb des nunmehr auseinandergedrifteten
Vereins sorgte. Wo immer auch die LG-Reiter auftauchten, waren ihre
Mitglieder von sportlichem Geist und praktizierter Fairness „besessen".
Das verschaffte dem Berliner Naturell entsprechend der LG Reiten
nicht nur Freunde, übertrieben gesprochen, wo die LGR auftrat,
„brannte die Luft". Diese Atmosphäre war besonders
deutlich in der Vierkampf-Gruppe zu spüren, gewannen die Vierkämpfer
der LGR doch ein halbes Dutzend Wettkämpfe.
Mit der Wende änderte sich das Turnier-Programm von Grund
auf. Vorbei waren die Zeiten, als Frau Doris Hafemeister noch die
Geldpreise stiftete, damit überhaupt ein S-Springen durchgeführt
werden konnte. Anfang der 90er Jahre hatte Klaus Dieck, auch ein
Mann der ersten Stunde, das Konzept ganz auf nationale Aspekte umgestellt.
Ein Basis-Turnier war die Eröffnung der „Grünen
Saison" nun nicht mehr. „Es wurde ein anderes Turnier",
sagt Karl-Heinz Dietrich heute, der zehn Jahre in aktivster Weise
zeitweise mit Gerhard Schröder zusammen die Turnierleitung
ausübte. „Wir wollten als Westberliner Reiter unseren
Spaß an diesem Turnier haben und den westdeutschen Reitern
die Möglichkeit geben, bis M zu starten. Basisarbeit mit A
und L war unser Ziel. Das war vorbei. Auch heute ist dies für
Brandenburg-Berlin nicht der Fall."
Der damalige Sportwart und heutige Vereinsvorsitzende Klaus Dieck
setzte voll auf die nationale Trumpf-Karte. Seine Zielsetzung ist
nur durch seine dominante und vielschichtige Persönlichkeit
erklärbar und erkennbar. Dieck, der sich auf der einen Seite
im Verein als aktiver Reitwart für die Basis aufopferte und
dies auch noch heute tut, ist auf der anderen Seite der speedige
Solo-Turbo, um ein nationales Turnier der Sonderklasse aufzuziehen.
„Ich mache das Turnier für die Reiter", ist sein
Credo. Daß er damit einige bodenständige Leute verprellt,
weiß er. Ist ihm aber egal. Trotzdem ist der umtriebige Turnier-Manager
auch zu Konzessionen bereit, um „sein" Turnier ständig
zu retuschieren. Beispiel: Mammut-Springen soll es nicht mehr geben.
Nur noch zwei Pferde pro Reiter sind je Springen zugelassen. Denn
zuschauerfreundlich war es bei über hundert Startern und mehr
nicht.
Waren früher bis zum Fall der Mauer Geldspender gefragt, so
ist dieser Begriff heute völlig out. Sponsoren regieren zwar
noch nicht die „Eröffnung der Grünen Saison",
aber ohne sie läuft nichts mehr. Und ein Sponsor spricht natürlich
nur auf erstklassige „Ware" an. Vielleicht ist das auch
mit ein Grund, dass die „Eröffnung der Grünen Saison"
eine bundesweit ausstrahlende Veranstaltung geworden ist. „Die
Sponsoren stehen bei uns Schlange", behauptetet Dieck. „Es
läuft gut." Der seit vier Jahren installierte VIP-Bereich
am Spring- und auch am Dressurplatz des Olympia-Reitstadions hält
jeden Vergleich mit westdeutschen Highlight-Turnieren stand. Man
muss allerdings konzedieren: Das Catering vom Hotel Intercontinental
bringt den entscheidenden Pfiff in die Atmosphäre. Mit dem
Jubiläums-Turnier beweist die LG Reiten, dass sie trotz aller
Schwierigkeiten mit diesem Turnier für Berlin einen sportlichen
Anziehungspunkt par excellance stets geboten hat und auch weiterhin
präsentieren wird.
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